Z a h n b e h a n d l u n g   b e i m   P f e r d

 

Die jährliche Zahn-Kontrolle und Zahn-Behandlung

-genau so wichtig wie eine regelmäßige Hufpflege-

   

Jedem Reiter ist die Wichtigkeit einer regelmäßigen Hufpflege beim Pferd durch einen guten Hufschmied (ein Spezialist auf seinem Gebiet) bewußt, da der Huf bei der hier in Europa üblichen Pferdehaltung sich nicht von alleine optimal abnützt. Das heißt der Huf wird bei weichem Boden zu lang werden und bei zu harten und steinigen Boden der Beanspruchung nicht standhalten.

Es ist logisch, daß für die Zähne des Pferdes Gleiches gilt, nur wurde dieser Bereich bisher sträflich vernachlässigt. Es ist noch nicht allen Pferdebesitzern bewußt, daß eine regelmäßige Kontrolle und Behandlung der Pferdezähne absolut notwendig für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes ist.

Auch das Gebiß des Pferdes ist nicht für die heutige Haltungsform und entsprechende Fütterung mit vergleichsweise weichem und energiereichem Futter geschaffen. Deshalb muß auch hier eine regelmäßige Kontrolle und Pflege durch einen Fachmann, in Abständen von höchstens einem Jahr, stattfinden. Dies dürfte nach einigen weiteren Erklärungen jedem Pferdefreund einleuchten.

Das Pferd ist ein Fluchttier, für das die zwei wichtigsten Dinge das Laufen mit gesunden Beinen und Hufen und das Fressen mit gesunden Zähnen ist.

Das Gebiß der Pferde ist darauf spezialisiert hartes Steppengras abzubeißen und zu zermahlen. In der freien Wildbahn sind Pferde den ganzen Tag damit beschäftigt verwertbares Gras zu suchen und zu fressen. Die Pferde bekommen bei der heute üblichen Haltungsform zwei bis drei mal täglich weicheres und energiereicheres Futter  als es die Natur vorgesehen hat. Da beim Zermahlen dieser Nahrung die Seitwärtsbewegung der Kiefer verringert ist, wird die Bildung von scharfen Kanten an den Backenzähnen begünstigt. Häufig werden die Schneidezähne zu lang, da sie nicht mehr zum Abbeißen von Gras gebraucht werden und der entsprechende Abrieb fehlt. Dadurch haben die Backenzähne beim Zermahlen des Futters einen zu großen Abstand und zu wenig Kontakt. Erst bei einer viel zu weiten, die Kiefergelenke belastenden, Seitwärtsbewegung werden dann die Backenzähne in Kontakt gebracht.

Der Oberkiefer der Pferde ist breiter als der Unterkiefer. Deshalb entstehen am Oberkiefer außen und am Unterkiefer innen scharfe Kanten. Diese Kanten verletzen die Backenschleimhaut und die Zunge.

Zusätzlich zieht das Trensengebiß die Mundwinkel nach hinten gegen die scharfen Kanten und Haken der Backenzähne und die Lederriemen der Trense drücken noch unterstützend von der Seite. Kein Wunder also, daß viele Pferde sich gegen das Gebiß wehren.

Daraus ergibt sich für den Pferdebesitzer die tierschützerische Pflicht, die Nachteile die sich durch unsere Pferdehaltung für die Zahngesundheit der Pferde ergibt, durch regelmäßige Zahnpflege auszugleichen.

Aber nicht nur scharfe Kanten und Haken können den Pferden Probleme bereiten.

Beim Zahnwechsel können sich die Milchzähne (Milch-Kappen) zwischen zwei anderen Zähnen einklemmen. Der Zahnwechsel kann nicht stattfinden, der verbliebene Zahn übt starken Druck auf den Kieferknochen aus und es bilden sich Knochenauftreibungen (Beulen) am Unterkiefer.

Pferdezähne hören nicht mit dem Längenwachstum auf, sie schieben sich jährlich etwa 2 bis 3 mm aus dem Zahnfach heraus. Die Zähne schleifen sich an der Nahrung, aber auch gegenseitig ab. Fehlt ein Zahn, oder ist ein Kiefer kürzer als der Gegenkiefer, so fehlt dem gegenüberliegendem Zahn der Abrieb. Dieser Zahn wird dann so lang, daß er bald die Beweglichkeit der Kiefer blockiert und sich sogar in das Zahnfleisch und in den Kieferknochen der gegenüberliegenden Seite bohren kann.

Viele Pferde haben im Oberkiefer vor dem ersten Backenzahn einen Wolfszahn, Wolfszähne treten schon mit etwa 7 Monaten in Erscheinung. Manchmal hat der Wolfszahn das Zahnfleisch nicht durchbrochen, er wird dann als "blinder Wolfszahn" bezeichnet. Wolfszähne sind rudimentäre Zähne (P1) aus der Entwicklungsgeschichte des Pferdes. Sie sind meistens sehr klein (wie ein menschlicher Eckzahn) und haben kurze Wurzeln. Sie liegen genau dort wo auch das Trensengebiß aufliegt und stören deshalb häufig. Sie sind im Normalfall leicht zu entfernen.

 

Wie erkenne ich Zahnprobleme beim Pferd?

Ein aufmerksamer Pferdebesitzer kann aber auch selber einige Verhaltensmerkmale beim Pferd beobachten, die auf mögliche Zahnprobleme hinweisen.

Unrittigkeit:

Pferd läßt sich schlecht auftrensen, wehrt sich gegen das Gebiß (Mauligkeit, Festbeißen und Kopfschlagen, Steigen), läßt sich zu einer Seite schlecht stellen ...

Futteraufnahme verändert:

Langsames und schlechtes Fressen, aber auch hastiges Fressen mit viel Futter im Maul, abnorme Kaubewegungen (keine mahlenden Seitwärtsbewegungen), Futter fällt raus beim Kauen, Wickel kauen, Schmatzen, übermäßiges Speicheln ...

Allgemeinzustand schlecht:

Abmagern (trotz reichlicher Futteraufnahme), stumpfes Fell, schlechte Kondition...

Andere Symptome:

Ungenügend zerkleinerte Partikel im Kot, Verstopfungskoliken, wiederholt Schlundverstopfung, Mundgeruch, Headshaking (Kopfschütteln), Pferd frißt lieber Heu und Weichfutter als Hafer und Pellets, frustriertes Kopfschlagen beim Fressen ...

Einem Verantwortungsvollem Reiter wird somit verständlich, daß eine regelmäßige Zahn-Untersuchung Probleme reiterlicher und gesundheitlicher Art vermeiden hilft. Verhaltensweisen die auch zu einer Gewohnheit werden können und später schwer zu beseitigen sind (z.B. Steigen) können oft so vermieden werden.

 

Wie oft sollten die Zähne beim Pferd kontrolliert und gegebenenfalls behandelt werden?

1  mal  im Jahr bei Pferden, die älter als 5 Jahre sind

2 mal im Jahr bei Pferden im Alter von 2,5 bis 4,5 Jahren, weil in diesem Alter etwa halbjährlich ein Zahnwechsel stattfindet und Milchkappen entfernt werden sollten.Bei Pferden, denen ein Zahn fehlt, oder die eine Fehlstellung der Kiefer haben. Die Zähne, die dann keinen gegenüberliegenden Zahn und entsprechenden Abrieb haben, werden schnell zu lang und blockieren die Seitwärtsbeweglichkeit des Unterkiefers.

 

Zahnbehandlung früher und heute...

Vor ca. 50 Jahren hatte man die Bedeutung regelmäßiger und professioneller Untersuchung und Behandlung des Pferdegebisses schon erkannt. Prof. Dr. Erwin Becker hat damals erstaunliche Techniken und Behandlungsmethoden mit hochentwickelten Werkzeugen eingeführt. Er erkannte damals, daß Pferde mit gesunden Zähnen eine etwa 10 bis 20 % bessere Futterverwertung haben, was bei der damals sehr hohen Pferdepopulation eine große Bedeutung hatte; besonders vor dem Hintergrund der Ernährung der deutschen Bevölkerung zu Kriegszeiten.

Dieses Wissen ist später verloren gegangen, da die Zahl der Pferde nach dem Krieg drastisch zurückging, und das Pferd mehr Bedeutung als Sportgerät gewann und die Reiter und Tierärzte kurzsichtigerweise mehr auf die Pferdebeine und deren Leistungsfähigkeit achteten.

Auch heute ist dieser hohe Behandlungsstandard von Pferdezähnen noch nicht wieder erreicht.

In den USA hat man schon vor mehreren Jahren wieder die Wichtigkeit der Zahngesundheit für die Leistungsfähigkeit der Pferde erkannt und rechtzeitig mit der Ausbildung von Spezialisten: Tierärzten (Pferde-Zahnärzten) sowie Laien (Pferde-Dentisten) begonnen.

In Deutschland hat man diese Entwicklung verschlafen und wacht nun mit einem „Kater“ und etwas „verschnupft“ auf, da einige pfiffige Holländer, Belgier, Australier, Kanadier u.s.w. (häufig keine Tierärzte), schneller reagiert haben und sich meistens deutlich besser auf dem Gebiet der Pferdezahnheilkunde in den USA fortgebildet haben als deutsche Tierärzte. Diese Leistung muß anerkannt werden und kann nur dadurch ausgeglichen werden, daß sich mehr und mehr Tierärzte ebenfalls weiterbilden, nicht nur durch einen Zweitageslehrgang, das reicht noch lange nicht um dem Vergleich mit einem guten Pferde-Dentisten standzuhalten.

 

Bei der Behandlung von Pferdezähnen haben sich verschiedene Methoden entwickelt:

Die meisten Pferde-Dentisten verwenden fast ausschließlich Zahnraspeln von meist sehr guter Qualität und schimpfen auf alle elektrischen Geräte. Kein Wunder, denn sie dürfen selber keine Pferde sedieren und ohne Sedation ist der Einsatz von Maschinen im Pferdemaul nicht zu verantworten, da dem armen Pferd meist mehr Schaden als Nutzen bei der maschinellen Arbeit ohne Maulsperre und ohne  Sichtkontrolle zugefügt wird. Pferde-Dentisten sind bei schwierigeren Behandlungen, bei denen Pferde sediert werden müssen, auf die sinnvolle Zusammenarbeit mit Tierärzten angewiesen.

Tierärzte, die häufig Maschinen einsetzen, teilweise leider sehr unkontrolliert, belächeln die mühsame Arbeit ein Pferd von Hand zu raspeln; kein Wunder, denn meistens besitzen sie keine guten und brauchbaren Raspeln, die auf dem deutschen Markt noch Mangelware sind.

Oft ist die Kombination von zwei Verfahren eine gute Lösung:

Eine gute Sedation bedeutet nur eine geringe Belastung für das Pferd, ermöglicht aber meistens eine gründlichere, ruhigere und ungefährlichere Behandlung.

Oft wird eine gute, nicht durch Kaubewegungen gestörte, Kontrolle und Behandlung der Pferdezähne nur durch den Einsatz eines geeigneten Maulgatters ermöglicht. Vorsicht, einige Maulkeile und der sogenannte „Tauchsieder“ können schwerwiegende Verletzungen der Zähne und des Kiefers verursachen.

Ein grobes Entfernen von scharfen Kanten, Haken und Stufen ist meistens schneller und schonender mit einer geeigneten Maschine möglich.

Die Feinarbeit und das Erreichen von bestimmten Bereichen im Pferdemaul ist nur zufriedenstellend und schonend mit unterschiedlichen Handraspeln von guter Qualität möglich.

Eines ist aber allen Methoden gemeinsam; in 15 Minuten ist keine gründliche und gute Zahnbehandlung möglich. Ein eher angemessener Zeitraum sind  40 Minuten bis eine Stunde und mehr.